Beginnen wollen wir sogleich mit einer Rechenaufgabe:
Wenn ein Handwerker an einem Tag 90 Fliesen legen kann, wie viel Fliesen legen dann 3 Handwerker in 3 Tagen? Nun? Nicht schwer oder? 3 mal 3 mal 90, das sind etwa 10^3 Fliesen (810 für nicht Physiker). Aber!
Wie viele Fliesen legen 3 südafrikanische Handwerker in 3 Tagen?
Na? Ne Idee? Nicht wirklich schwer oder?
90 geteilt durch 3, geteilt durch 3, das macht 10 Fliesen pro Tag!
Diese Logik ist nicht einfach so aus der Luft gegriffen, vielmehr bilden experimentelle Daten den Hintergrund dieser Aussage.
Es ereignete sich vor 4 Wochen, als eine Gemeinschaft von 7 Arbeitern loszog, nicht etwa um einen Zwiebelring in den Schicksalsdipp zu tunken, sondern um das Grundstück, welches unser Wohnhaus umgibt wieder in einen so genannten „Garten“, mitsamt Pool, zu verwandeln. Die ersten Aufzeichnungen für die Planung dieses Unternehmens liegen schon etwa 2 Jahre zurück und es bedurfte einiger archäologisch anspruchsvoller Arbeit, dies zu Tage zu tragen. Damals versprach der Vermieter P. S. der gerade frisch eingezogenen Candice (damals war sie noch das hübsche nette Ding, was man an der Bushaltestelle angesprochen und zum Einzug überredet hatte) den defekten Pool recht bald wieder Instand zu setzen. Doch in einem Land, wo die Doktoranden schon mal ein halbes Jahr umsonst arbeiten müssen, weil die Universität nicht in der Lage ist das Gehalt pünktlich zu überweisen, müssen die Mühlen erst einmal mahlen. Und sie mahlen und mahlen. Und wenn sie nicht zerbrochen sind, mahlen sie heute immer noch.
Seit dieser Zeit gab es einige mündliche Aktualisierungen dieses Plans, deren Zeitpunkt seltsamerweise recht häufig mit dem Einzug neuer Bewohner zusammenfällt. Bis Anfang April 08 blieb dieser Plan jedoch ein Gedankengerüst, fernab in einer unerreichbaren Fantasiewelt.
Nachdem sich die Bewohner der Residenz in der King George V Avenue mit der Hausnummer 225 bereits damit abgefunden hatten, dass vor der Veranda allmählich ein Urwald/Feuchtgebiet heranwucherte und es wohl sehr bald gelten werde das Eindringen von Kannibalen, Schlangengezücht und unbekannten Raubtieren jeglicher Art zu verhindern (es gibt Berichte über blutrünstige Kaninchen, welche im zarten Alter von einem Tag die gewaltsame Treibjagd ihrer Mutter und deren Entführung mit ansehen mussten und die seitdem nur noch die Rache am brutalen Hasenfänger am Leben hält), wurden eines schönen Tages inmitten der Wildnis urplötzlich Gärtner und Handwerker gesichtet, welche sofort begannen den Boden aufzureißen, um das Problem an der Wurzel anzugehen. Nachdem nach einigen Tagen dann endlich die Entropie (Unordnung) im Garten maximiert worden war, ging es endlich voran. Doch leider bedeutete „Arbeiter am heutigen Tag“ nicht zwingend „Arbeiter am nächsten Tag“. Warum? Frage nicht zulässig.
Zudem konnte meist nur auf Grund der Veränderung im Garten abgeschätzt werden, ob und wie viele Arbeiter überhaupt den Tag dort verbracht hatten, als die Bewohner nach einem anstrengenden Arbeitstag zurück in ihr Nest geflogen waren. Feine Nuancen entschieden über die Antwort: „War das Loch da gestern auch schon? Lagen diese Säcke mit Bauschutt gestern auch schon im Pool? Standen da gestern an der gleichen Stelle leere Milch- und Safttüten? Wurde dieser Busch erst heute herausgerissen? Lag dieser gewaltige Sandhaufen umringt mit Bauschutt gestern auch schon vor unserem Haus?“
Bewohner Michael fasste einmal die Geschehnisse im Garten folgendermaßen zusammen:
„Oh Mann, ich glaube ich komme besser gleich zur Uni. Denen da zuzuschauen ist ja nicht auszuhalten. Wie kann man nur so arbeiten?“
Doch das Schicksal hatte ein Einsehen und so ist nach 4-wöchiger Arbeit und 3-tägiger dauerhafter Wasserzufuhr, endlich ein gefüllter, funktionierender Pool herausgesprungen und die Wildnis wurde an das untere Ende des Grundstückes getrieben.
Die Busfahrt: Es ist 15:20 Uhr. Gut, ich bin mehr als pünktlich. Bus fährt erst in 10 Minuten los, da sollte ich wieder einen Sitzplatz bekommen. Ich erreiche die Tür. Schock. Oh nein, der verrückte Busfahrer fährt heute wieder. Warum verrückt? Nun ja, jemand der mitten auf der Straße mit einem riesigen Bus hält, jeglichen Verkehr blockiert, um einen Mini-Bus Fahrer zurecht zu weisen; jemand der an der Haltestelle durch unablässiges Aufheulen des Motors versucht die Studenten dazu zu bewegen, schneller auszusteigen; jemand der standardmäßig mit offener Tür fährt; jemand der auf einer zweispurigen Straße immer die mittlere benutzt und andere Autos geradezu vor sich hertreibt, usw.; der ist nun mal schlichtweg bekloppt.
Ich erklimme also die erste Stufe und springe fast in einen Passagier hinein. Schock. Verdammt, der Bus ist ja schon fast voll. Was geht?
Ich suche mir einen Platz direkt neben der Fahrerkanzel. Ein paar Studenten kommen. Noch ist Platz auf den Treppenstufen, die Türe wäre gerade noch schließbar. Weitere Studenten kommen. Erhöhter Druck, bei gleichem Volumen, bedeutet die Temperatur steigt. Die Sonne brennt auf den Bus. Es wird heiß, die Luft dickflüssig. Werde immer weiter zur Windschutzscheibe gepresst. Mein Kopf verschwindet unter dem Dach. Busfahrer steht auf. Immer noch kommen Studenten und wollen mitgenommen werden. Busfahrer öffnet seine Kanzel. Lässt zwei Damen hinein. Wird das jetzt eine neue Folge von ...?
Endlich startet der Motor. Wir rollen los. 300 Meter weiter: Stopp.
Scheiße. Noch mal ein dutzend Studenten wollen mit. Es wird gepresst. Mein Schienbein kämpft gegen eine Metallkannte, meine Hand klammert sich an eine verrußte Stange. Meine Position ist fix. Unschärfe null.
Nach 5 Minuten sind alle drin. Frauen sitzen übereinander auf den Sitzen, auch der letzte Platz an der Treppe wird genutzt. Der Busfahrer gibt Gas. „Können wir vielleicht die Türe schließen?“ Höre ich mich in erstaunter Ruhe fragen. Zu zweit wird die Tür zugedrückt, nachdem sie elektrisch entriegelt wurde, eine Person wird benötigt diesen Zustand beizubehalten.
Die erste Bodenwelle schmerzt. Gut dass es in Südafrika überall diese Geschwindigkeitsbegrenzungsbuckel gibt.
Wir rasen dahin. Ich kann nur ahnen, wie sich hunderte Insekten über so ein langes, kopfloses Elend kaputt lachen, dass da von innen an eine Windschutzscheibe gepresst auf sie zurast, bevor sie einen Zentimeter vor ihm von etwas unsichtbarem zermatscht werden. Vielleicht ist das aber auch nur eine dieser hochmodernen Stoffpuppen mit Saugknöpfen, mag es ihnen vielleicht noch durch den Kopf gehen.
Ich werfe einen Blick in die Kanzel des Busfahrers und bereue es sogleich.
Blinkerleuchten: kaputt, Warnblinker: Schalter fehlt. Tankanzeige: Ausfall. Diverse andere Instrumente und Anzeigen: herausgerissen und durch lose herumhängende Kabel ersetzt. Tacho: zeigt nur meine relativ Geschwindigkeit im Intertialsystem Bus an, die ist konstant null. Gurt für den Busfahrer: aus Gewichtsgründen entfernt und durch Lautsprecher ersetzt. Automatikschaltung: schaltet nur sporadisch. Professionalität des Busfahrers: Überwältigend, seine linke Hand schiebt mich zur Seite, damit er den Seitenspiegel benutzen kann.
30 Minuten dauert dieser Spaß. In meinem Kopf wiederholt sich unentwegt ein Satz, den ich vor ein paar Tagen zu einem Kommilitonen sagte und der gerade adabsurdum geführt wird:
Ich fahre ganz gern mit dem Bus, das ist irgendwie recht entspannend. Hoffentlich bin ich den Dämon mittlerweile wieder losgeworden, der mir diesen Satz ins Großhirn pflanzte.
Endlich am Zielort hat der Platz an der Scheibe dann doch was Gutes: ich bin einer der ersten die der Hölle entfliehen können.
Einkaufen fahren: Samstagmorgen. Michael und ich fahren einkaufen. Ich darf fahren. Normaler Verkehr: Autos fahren deutlich schneller als die erlaubten 60km/h. Minibusse ziehen von ganz rechts gerade noch rechtzeitig nach ganz links um abzubiegen. Andere Minibusse stehen an der roten Ampel, werden ungeduldig, sind sich sicher das Grün voraus zu ahnen und beginnen in die Kreuzung hineinzuschleichen. Als sie die Mitte erreichen ist noch immer rot. Scheiß drauf. Der Fahrer gibt Gas. Ich schaue ungläubig zu Michael.
Auf den meisten Straßen stehen in unregelmäßigen Abständen Autos. Definitiv im Halteverbot. Aber mit angeschalteter Alarmblinkanlage geht das schon in Ordnung.
Die dauernden Hupgeräusche überhöre ich schon seit einiger Zeit. Entweder es sind die üblichen Balzrituale der Minibusfahrer, welche ihren Kopf mitsamt Oberkörper aus dem Fenster strecken und hübsche Mädels auffordern einzusteigen, während sie mit dem linken Arm das Handy am Ohr halten und scheinbar nur noch der Autopilot das Fahrzeug lenkt, oder es ist das Auto hinter mir, dessen Autokennzeichen und Marke ich nach einem Blick in den Rückspiegel nicht erkennen kann, weil dessen Motorhaube scheinbar schon in unserem Kofferraum zu stecken scheint.
Ich fahre also angepasst an den Verkehr mit „knapp“ über 60, als ich von links plötzlich etwas auf mich zu schießen sehe. Scheiße, der ist schnell. Bremsen und passieren lassen? Oder Gas geben und das letzte Schlupfloch nutzen. Denn bremsen, das ist mir klar, wird der nicht. Da ist ja noch nicht mal ein Fahrer am Lenkrad. Noch nicht mal ein Lenkrad am Lenkgestänge. Noch nicht einmal ein Motor im Motorraum. Was da auf mich zurast ist ein verfluchtes Rad. Ein einzelnes, aus dem Nichts kommendes, verfluchtes Autorad, das direkt im rechten Winkel in eine vierspurige Straße hinein rollt. Mein Oberschenkelmuskel zieht sich mit der Reaktionsgeschwindigkeit meines rechten Zeigefingers zusammen. Mein Fuß presst das Gaspedal bis zum Anschlag. Über 200 schwedische Pferdestärken heulen auf und katapultieren unseren Saab gerade noch am Hindernis vorbei.
Warum in Südafrika Autoreifen durch die Gegend rollen? Däng, däng, däng. Frage unzulässig.
Schulische Ausbildung: Ich habe ja wie einige wissen, irgendwann Ende Januar ein indisches Mädel im Bus kennen gelernt. Um gewissen Fragen zuvor zu kommen: ich kann ihr Alter nur auf „zu jung“ schätzen. Außerdem hat sich noch immer ihr Name in den unendlichen Weiten meines Verstandes verirrt und ich arbeite daran das minimal peinlichste Modell auszuarbeiten, um ihn herauszubekommen.
Wie dem auch sei, sie hatte diverse Fragen in Sachen Mathematik und Physik, also habe ich mich dargeboten. Verzeihung. Angeboten.
Das bescherte mir Einblicke in das südafrikanische Schulsystem, welche wohl besser unter Verschluss gehalten worden wären.
Was lernt man an der Universität in der Vorlesung Mathematik für Biologen?
Man lernt, das erste Mal, wie man Funktionen ableitet. Die ganze Geschichte mit Rechts und Linksseitigem Grenzwert ebenso. Und man lernt den Funktionswert für x à unendlich zu berechnen.
Das lernt man nicht etwa an der Schule, da konzentriert man sich nämlich auf die Physik.
An der Uni kann man den Studenten in der Physikvorlesung dann nämlich mit dem gesammelten Vorwissen bereits beibringen, wie sich ein starrer Körper auf einer schiefen Ebene verhält! Ja Heurika. Das ist doch was. Da hat man den Sinus und den Cosinus, manchmal sogar den komplett unbekannten Tangens. Man hat einen Winkel, der nur solange ein Winkel ist, solange man ihn Alpha nennt. Da gibt es Formeln für Kräfte, deren Zuordnung zur Realität zu höchstem Grade vom winzigen Index abhängt, den ein Professor in unleserlicher Handschrift und didaktisch wertloser Weise in sein Vorlesungsskript gepinselt hat.
Wir gingen für den bevorstehenden Physiktest den des Vorjahres durch. Freundlicherweise hatte eine Freundin bereits die richtige Antwort bei diesem Multiple-Choice Prozedere markiert. Erkenntnis nach 2 Stunden Erklärung und Rechnung: Die Freundin wird den Test mit Sicherheit mit null Punkten abgeben.
Ein Kumpel aus Durban meinte eines Tages zu mir: „Wie? Du meinst das Englisch das du kannst, ist das was du aus der Schule kennst? Das heißt ihr lernt da ja wirklich was.“
Öhm, es ist schon durchaus wichtig, dass man den Zusammenhang zwischen Schule und Lehre/Lernen erkennt.
Damit es nicht zuviel auf einmal ist, soll’s das erstmal wieder sein. Noch kurz erwähnen will ich, dass ich letzte Woche einen Einblick in das Nationale Laser Zentrum in Prätoria bekommen habe.
Ich bin aus allen Wolken gefallen. Dort gibt es tatsächlich Experimental Physiker, die an funktionierenden Versuchen arbeiten und sogar selbst erklären können, was sie da tun. Beides ist an der Universität von Durban nicht der Fall. Wenn man die Leute hier fragt, was sie genau eigentlich im Labor machen. Dann wissen die das nicht! Da bekommt man nicht etwa eine unverständliche Antwort. Nein! Die kennen selbst die Antwort auf diese Frage nicht. Die Versuchsaufbauten die ich bisher dort zu Gesicht bekam sind noch nicht einmal auf Fortgeschrittenen Praktikums Niveau.
Ich hielt in der Landeshauptstadt einen Vortrag, der leider etwas zu lang geriet und Michaels deshalb verhinderte. Sorry nochmal. Zudem versuchten wir eine Zusammenarbeit mit einer Gruppe zustande zu bekommen, welche sich dort mit; Vorsicht es wird jetzt kurz physikalisch; dem Bahndrehimpuls von Licht beschäftigt und diesen mit Hilfe computer-generierter Hologramme (welche mit 60Hz erzeugt und verändert werden können) kontrollieren, herstellen und verändern können. Anwendung: Qudits, das sind Qubits mit mehr als 2 Dimensionen. Die zwei Tage dort waren wirklich beeindruckend, was nicht nur an den beiden reizenden jungen Physikerinnen lag, welche mit uns den kompletten Tag verbrachten.
Bis demnächst Andi
1 Kommentar:
Alter, du hast da was falsch verstanden... "reizend" und "Physikerin" darf nicht in einem Satz stehen!
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